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Im Argental zwischen Allgäu und Bodensee
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Trafohäuschen in Achberg

Die Gemeinde Achberg besteht aus den Dörfern und Weilern Bahlings, Baind, Buflings, Doberatsweiler, Esseratsweiler, Gunderatweiler, Isigatweiler, Pechtensweiler, Regnitz und Siberatsweiler:
 
Trafostation Baind 4a Trafostation Baind 1 Trafostation Baind 2 Trafostation Baind 3 Trafostation Baind 4 Trafostation Baind 3a
Sicherungstrennschalter Zugangsbarriere Transformator 1 Transformator 2 Transformator 4 Leiter
Trafostation Baind 31 Trafostation Baind 33 Trafostation Baind 37 Trafostation Baind 41 Trafostation Baind 40 Trafostation Baind 35 Trafostation Baind 38
Die Trafostation Baind von 1922
Fotos: Richard Molke, 2007 und Pit Fischer, 31. August 2013 (untere Reihe)
Im südlichsten Zipfel Oberschwabens, zwischen Allgäu und Bodensee liegt der kleine Weiler Baind. Bei Haus Nr. 10 steht dieses Trafohäuschen aus dem Jahr 1922, das in einer Aktion des "privaten Denkmalschutzes" von Anwohnern erhalten werden konnte. Es gehört zu den ältesten und schönsten in ganz Oberschwaben, weshalb es auch auf unserer Seite Best of Trafohäuschen aufgenommen wurde. Mit dem Untergeschoss aus Fachwerk, dem Obergeschoss aus Holz (nicht nur holzverkleidet wie bei anderen Exemplaren) und dem weit überstehenden Dach haben wir hier ein außergewöhnliches und seltenes Dokument der Elektrifizierung Oberschwabens vor uns.
Auf den Bildern der beiden oberen Reihen sehen wir den Zustand im Jahr 2007, vor der Stilllegung der Trafostation. Die Innenaufnahmen zeigen noch die zum Schluss verwendete technische Anlage: einen ABB-Transformator aus dem Jahr 1983 nebst Trennschalter, Schaltgestänge usw. Die auf den Fotos zu sehenden Anlagenteile werden unten im Text genauer beschrieben, dort sind auch weitere Detailaufnahmen zu finden.
Nachdem die ganze Siedlung auf Erdkabel umgestellt war, wurde die Trafostation stillgelegt, die elektrische Anlage im Inneren des Turms und die alten Freileitungen abgebaut. Wegen der Verkehrssicherungspflicht standen die Stadtwerke Lindau als Besitzer nun vor der Entscheidung das nutzlos gewordene Türmchen entweder abzureißen oder es zu verkaufen. Zum Glück entschieden sich die Stadtwerke für den Verkauf. Es gab mehrere Kaufinteressenten unter den Anwohnern: Alle wollten das Trafohäuschen erhalten. Einer bekam schließlich den Zuschlag und kann nun dafür sorgen, dass der Turm zu unserer aller Freude in einigen Jahren seinen 100. Geburtstag erlebt.
Die Fotos der unteren Reihe zeigen den Turm im August 2013. Die Elektrik ist innen und außen komplett entfernt. Der jetzige Besitzer hat zwei Schilder "Baind" und "1922" angebracht. Auch wurden noch mehr Nistkästen aufgehängt, sodass das Türmchen jetzt noch einen kleinen Nebenjob im Natur- und Vogelschutz hat. Die Freileitung, die jetzt noch am Häuschen vorbeigeht, ist eine Telefonleitung.

Reichspostmodell-Isolatoren am Niederspannungsabgang Vorderseite der Turmstation Hier sehen wir einen im Jahr 2007 noch in Betrieb befindlichen Niederspannungsabgang an der Turmvorderseite, abgespannt an vier Reichspostmodell-Isolatoren in Größe 1. Zur Kennzeichnung des Nullleiters (heute: Neutralleiter) wurden je nach EVU (Energieversorgungsunternehmen) unterschiedliche Markierungen verwendet. Hier hatte man einst einen Isolator mit grünem Kopf dafür vorgesehen (der Isolator links unten auf nebendstehender Abbildung). Soweit erkennbar stimmt diese aus der Erbauungszeit stammende Markierung aber nicht mehr mit der aktuellen Seilbelebung zusammen. Gerne werden auch mal kleine Drahtschlaufen oder Ringe am Neutralleiter befestigt, an jedem Mast, an jedem Dachständer. Selbst Schwedenkabel haben eine aufgeprägte Codierung der einzelnen Leiter.

Niederspannungsmast Neben dem Turm stand bis zur Stilllegung ein jüngerer Niederspannungsmast mit vier Rillenteller-Isolatoren N95 zur Seilabspannung. Im Rahmen einer Modernisierung hat man an diesem Mast die Freileitung enden lassen und nicht mehr bis zur eigenwilligen Dachständerkonstruktion auf dem Turmdach führen lassen. Auf den Bildern der Vorderseite (Eingangstür) ist ein Stahlseil zu erkennen von der Dachkante zum Boden. Dieses Ankerseil sollte wohl die durch den Dachständeranschluss auf dem Turm erzeugten Zugkräfte Richtung Wohnhaus ausgleichen. Einem gemauerten Turm wäre das gleichgültig gewesen, aber der Holzturm ist statisch natürlich etwas labiler. Um diese Zusatzbefestigung vermeiden zu können, hat man dann im Rahmen der Modernisierung gleich am Holzmast abgespannt und somit die Zugbelastung vom Turmdach genommen. Dafür spricht auch, dass das Rudiment des Turmdachständers eigentlich nur noch aus dem Rohr bestand, alle Traversen mit den seitlich versetzten Isolatoren sind bereits früher abmontiert worden.
Hintergrund: Durch die Modernisierung wurde die Niederspannungsverteilung mit allen Sicherungen aus dem Turm heraus in den kleinen grauen Kabelverteiler daneben verlagert. Aus dem Turm führt die Zuführung der Niederspannung vom Trafo per Erdkabel in diesen Schrank, geht durch die Schaltarmaturen und Sicherungen hindurch, um dann wieder per Erdkabel bis zum Holzmast geführt zu werden. Dort wird das Erdkabel aufgeführt und speist in das Niederspannungs-Freileitungsnetz ein. Im Urzustand 1922 gab es natürlich keinen Kabelverteiler neben dem Turm, sondern eine Schalttafel im Turm (siehe hierzu auch unser Kapitel Schalttafeln und Schalter).


Mittelspannungseingang Sicherungstrennschalter Schaltgestaenge Die Mittelspannung auf dem Weg zum Trafo
Mittelspannungseingang, Sicherungstrennschalter, Schaltgestänge, Weg zum Trafo
Fotos: Richard Molke, 2007
Auf der Turmrückseite befand sich der Eingang der Mittelspannung (Foto links) mit der Kennzeichnung der Phasen in ihrer Reihenfolge, was beim Anschluss an den Transformator von Bedeutung war. Man strebt im Drehstromnetz ein Rechtsdrehfeld an. Zu erkennen sind ferner drei moderne Ableiterelemente an der Turmwand (siehe hierzu auch unser Kapitel Überspannungsableiter).
Das zweite Bild von links zeigt uns den Mittelspannungseingang von innen und einen kombinierten Sicherungstrennschalter aus dem Hause Driescher für HH-Sicherungseinsätze 10KV und 63 (oder 83?) A (siehe auch unser Kapitel HH-Sicherungen). Dieser Trennschalter wird aus einiger Entfernung über ein Schaltgestänge bedient, erkennbar auf dem dritten Foto von links. Damit man jedoch nicht im Fehlerfall mit den Auswirkungen eines etwa zündenden Lichtbogens auf dem Weg zur Erde in Berührung kommt, sieht man ebenfalls auf diesem Bild an der Wand eine isolierend wirkende Schaltstange, mit welcher man den Schalthebel gegenüber bedienen konnte. Vermutlich sollte man jedoch diesen Schalter nicht unter Volllast (oder in der Gegenwart nicht mehr) betätigen und damit nur im lastfreien Zustand eine sichtbare Trennstrecke herstellen. Es sei hier an moderne, SF6-isolierte Schaltanlagen gedacht, welche dem Bedienpersonal keinerlei Lichterzauber bescheren.
Das Foto ganz rechts zeigt die an der Turminnenwand an Metallstäben herabgeführte Mittelspannung auf dem Weg zum Transformator.


Zugangsbarriere Sicherheitsregeln Transformator 1 Transformator 4 Transformator 2 Typenschild des Transformators Transformator 3
Der Transformator von 1983
Fotos: Richard Molke, 2007
Bildbeschreibung von links nach rechts:
Bild 1 - 2: Zugangsbarriere und die 5 Sicherheitsregeln
Hier sehen wir die neu angebrachte Zugangsbarriere aus Holz, welche vor versehentlicher Annäherung an den Transformator schützt. Das Gitter muss man für Arbeiten bewusst aushängen. Damit man sich dabei der Gefahrenlage bewusst ist, sind am Holzgitter nochmals die 5 elementaren Sicherheitsregeln zur Vorbereitung von Arbeiten an elektrischen Versorgungsanlagen aufgeführt. Früher waren solche Barrieren auch aus Metallgitter gebräuchlich, wie in der Innenansicht der Museumsturmstation Kürnbach zu sehen ist, auf diesem Foto. Oder bei noch kleineren Transformatoren begnügte man sich auch mit einem schlichten Holzbalken davor. Der Mensch soll so vor gefährlicher (versehentlicher) Annäherung an Teile, die Mittelspannung führen, geschützt werden. Wer diese letzten Barrieren bewusst außer Kraft setzt, muss wissen was er tut. So eine Art Wink mit dem Zaunpfahl, ebenso das Hinweisschild mit den 5 Sicherheitsregeln: Letzte Aufforderung zum Nachdenken was man da gerade tut (siehe auch unser Kapitel Vorschriften). Es kommt auch immer auf den vorhandenen Platz im Turm an. Kürnbach hatte mehr Bewegungsraum, ohne zu nahe an die Spannung zu gelangen, deshalb ist das Metallgitter dort weiter oben angebracht. Die Station Baind ist so eng, dass man den Sicherheitsabstand zu blanken Mittelspannungs-Anlagenteilen gleich durch die Holzbarriere vor dem Trafo beschränkt hat.
Bild 3 - 7: Der Transformator und die EuK-Garnitur
Hier sehen wir das Kernstück einer Trafostation: den Transformator (siehe hierzu auch unser Kapitel Der Transformator).
Bild 3 und 4 von links zeigen den Deckel des aus dem Jahre 1983 stammenden Transformators in Hermetikausführung. Der große Metallstutzen nach oben bildet die Einfüllöffnung für das Isolieröl. Bei dieser Trafoart ist kein Ausdehnungsgefäß (Ölkonservator) vorgesehen. Im Vordergrund sind die Anschlüsse der Unterspannungsseite (L1,L2,L3 und N) zu sehen. Im Hintergrund die Einführungen der Oberspannungsseite für 10 kV. Die oben angebrachten Metallkugeln sind dabei die Kontaktstellen für die im Wartungsfall dort zu befestigende EuK-Garnitur (Erdungs- und Kurzschließeinrichtung), welche auf dem Foto ganz rechts zu sehen ist. Sie dient dem Arbeitsschutz und damit der Erfüllung der Sicherheitsregeln "Erden" und "Kurzschließen". Bei einem versehentlichen Zuschalten der Mittelspannungs-Leitung während laufender Arbeiten im Turm würden somit vorgelagerte Schutzeinrichtungen ausgelöst. Hierbei ist die Ausführung mit kleinen, angedeuteten Schirmen erkennbar, was typisch für einen Transformator im Inneneinsatz ist. Im Freien wären diese Durchführungen mit breiteren Schirmen versehen um der Witterung, insbesondere der Feuchtigkeit ein größeres Hindernis zu bieten. An der Rückseite dieser Anschlüsse lassen sich jeweils eine Schutzfunkenstrecke in Form zweier Metallspitzen erkennen. Eine davon ist mit der spannungsführenden Oberseite verbunden, das jeweilige Gegenstück ist mit dem geerdeten Trafokessel verbunden. Ab einer bestimmten Spannungshöhe jenseits der eigentlichen Betriebsspannung kommt es dann zu einem Lichtbogenüberschlag gegen Erde. Es ist also eine grobe Schutzvorrichtung gegen Überspannung. In Verbindung mit den außen an der Turmwand montierten Ableitern wird somit die Trafowicklung wirksam vor schädlichen Überspannungen geschützt. An der Wand erkennt man noch eine inzwischen überflüssig gewordene Halterung für Innenwandstützer im Bereich der Mittelspannungs-Zuführung zum Trafo. Die ist noch von früher, der alte Trafo war in seinen Abmessungen offensichtlich kleiner. Auch diese Metallteile sind mit dem Erdungsbandeisen verbunden und würden im Falle eines Isolationsfehlers den abfließenden Fehlerstrom sicher zum Erdboden leiten.
Die zweite Abbildung von rechts zeigt das Typenschild des Transformators, welcher aus der ABB Trafoschmiede stammt, ASEA ist dabei ein Konzernteil, welcher aus Schweden stammt und dort vergleichbare Popularität hat(te) wie AEG in Deutschland. Der Trafo hat ein Gesamtgewicht von über 1,3 Tonnen, wobei schon die Ölfüllung mit 255 KG veranschlagt ist. Die Scheinleistung ist mit 400KVA angegeben. Ebenso bestätigt das Schild, dass es sich hier um eine 10KV-Anlage und Netz handelt. Wie zu erkennen ist, verfügte diese alte Turmstation über keinerlei Auffangmöglichkeit für austretendes Trafoöl. Man darf aber vermuten, dass in einem Fehlerfalle wohl nur wenig von dieser Holzstation geblieben wäre, gehen solche Trafoschäden abgesehen von rein mechanisch entstandenen Löchern im Kessel meist mit "ordentlich Feuerwerk" ab.
Das vierte Foto von links zeigt deutlich Schmutzablagerungen auf dem Deckel und den Einführungen. Wäre der Trafo weiterbetrieben worden, hätte hier eine Säuberung durchgeführt werden müssen. Heute könnte man sogar unter Spannung eine solche Reinigung durchführen, eine Abschaltung wäre somit unnötig. Schmutzablagerungen können Lichtbogenfehler begünstigen, da Schmutz und Luftfeuchtigkeit die Isolationswirkung verringern.


Leiter 1 Leiter 2
Die Leiter nach oben
Fotos: Richard Molke, 2007
Hier sehen wir eine rustikale Leiter zum Aufstieg in das obere Stockwerk. Es kann nur vermutet werden, dass solche Holzkonstrukte mit Blick auf den Arbeitsschutz und der drohenden Absturzgefahr heute wohl nicht mehr zulässig wären. Geerdete und ebenso fest mit dem Turm verbundene Metallleitern sind eher anzutreffen. Das rechte Foto zeigt nun den Weg ins obere Stockwerk, vorbei am Wespennest und den in jüngerer Zeit verlegten Niederspannungskabeln auf deren Weg zum Anschluss an der Giebelwand.
Weitere Einblicke in Konstruktion und Innenleben von Trafohäuschen findest du auf unserer Seite
Innenansichten von Turmstationen.

 
Trafostation Baind 27 Trafostation Baind 28 Trafostation Baind 29 Trafostation Baind 30
Der ehemalige Dachständer dient jetzt als dekorativer Zaunpfahl in Nachbars Garten
Fotos: Pit Fischer, 31. August 2013
Zum Schluss noch ein nettes Detail. Der Nachbar hat nach der Umstellung auf Erdkabel seinen alten Dachständeranschluss aufgehoben und als Gartendekoration eingesetzt. Zu sehen sind hier Rillenteller-Isolatoren N95. Eine nette Idee, dieses kleine Stück Technikgeschichte weiterleben zu lassen. Siehe hierzu auch unser Kapitel Entspannt: Angewandtes Recycling von Isolatoren im Alltag.
So oder so ähnlich muss wohl auch der Dachständer auf dem Trafoturm ausgesehen haben.

Grundsätzlich lässt sich über die Trafostation Baind sagen, dass sie nicht mehr im Erbauungszustand des Jahres 1922 angetroffen wurde, sondern schon mindestens eine Modernisierung mit Trafowechsel erlebt hat. Mit den Leistungs- und Sicherheitsanforderungen an moderne Kompaktstationen der Gegenwart kann sie sich jedoch auch in der modernisierten Form nicht mehr messen, was beispielhaft das Verschwinden vieler solcher Turmstationen begründen mag. Viele Türme sind schlicht nicht auf den erforderlichen Anforderungsstand der Gegenwart zu bringen und selbst wenn, dann ist es stets eine Kostenfrage. Dies erklärt den heute massenhaften Einsatz von fabrikfertigen Kompaktstationen, die fix und fertig aus dem Werk geliefert werden und nur noch aufgestellt und angeschlossen werden müssen.

Die Redaktion dankt den Stadtwerken Lindau und dem Nachbar des Trafoturms für Hinweise und Informationen.


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Stand: 11. September 2013
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