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Ein Tag, an dem du nicht lächelst, ist ein verlorener Tag. (Charles Chaplin)
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Trafohäuschen in und um Königswinter

Zur Stadt Königswinter gehören die Stadtteile Eudenbach, Heisterbacherrott, Ittenbach, Niederdollendorf, Oberdollendorf, Oberpleis, Stieldorf und Thomasberg:
 
Trafohaus Niederdollendorf 1 Trafohaus Niederdollendorf 5 Trafohaus Niederdollendorf 6 Trafohaus Niederdollendorf 9 Trafohaus Niederdollendorf 10
Das lachende Trafohäuschen in Niederdollendorf
Unikum und Unikat im Land des Lächelns zwischen Mittel- und Niederrhein
Fotos: Wolfgang Kehren, 4. März 2014

Das Trafohaus Niederdollendorf in der Schönsitzstraße wurde 1986 nach Plänen von Prof. Wolfgang Krenz (Planungsgruppe Krenz und Meier) gebaut. Die Betonstation ist an spielerischer Originalität kaum zu überbieten:
Die Vorderfront stellt mit zwei runden Fenstern als Augen, einer vorspringenden Nase ("Gesichtserker") und der Tür als Mund ein Gesicht dar. Der luftige Bau wirkt mit offenen, drahtvergitterten Seiten und Dach wie eine riesige Vogelvoliere und gestattet uns Einblicke in das Innere des Kopfs, in dem sich große Vögel aus Metall befinden: Hier wohnt die sprichwörtliche Meise, die ja bei sehr vielen von uns zu beobachten ist.
Die Trafohäuschenhomepage-Redaktion geht hier mit gutem Beispiel voran und outet sich heute öffentlich: Wir haben eine Meise.
;-)
Bereits jetzt ranken sich Geschichten und Legenden um das eigentümliche Gebäude: Nach unbestätigten Gerüchten soll schon Wartungspersonal des Energieversorgers hineingegangen, aber nicht wieder herausgekommen sein: "Wieder ein Elektriker gefressen".
;-)

Wer nun glaubt, dass dieses Kunstwerk 1986 auf eine begeisterte Bevölkerung gestoßen ist, den müssen wir enttäuschen. Das lustige Trafohäuschen war massiven Anfeindungen ausgesetzt, die zumindest das Prädikat "brauner Mief" mit äußerst unguten Erinnerungen an die deutsche Vergangenheit verdienen. Dies ging bis zu wüsten Beschimpfungen wie "entartete Kunst" oder "Den Mann, der das zu verantworten hat, den sollte man aufhängen". Die Frankfurter Rundschau schrieb am 5. März 1986 sinngemäß: "Mit dem rheinischen Humor - wie die Bürgerproteste verraten - ist es wohl nicht mehr so gut bestellt." Nachdem der skurrile Bau jedoch durch die Weltpresse ging (bis hin zum amerikanischen 'People Magazine') und 1987 gar den Architekturpreis Beton gewann, denken viele Anwohner heute anders darüber. Die Trafostation ist zu einer kleinen Touristenattraktion geworden und könnte dadurch sogar etwas Geld in die Gemeinde bringen. Wer wollte da noch dagegen sein? Nun darf das Trafohäuschen die Niederdollendorfer anlachen. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Und die Niederdollendorfer sind eingeladen mitzulachen und damit sogar etwas für ihre Gesundheit zu tun, denn Lachen ist bekanntlich die beste Medizin.
2013 wurde das Trafohaus renoviert. Jetzt erfreut es Kunst- und Architekturfreunde und inzwischen auch viele Anwohner in neuem Glanz. Es ist eines der schönsten, aber auf jeden Fall das lustigste Exemplar in unserer Rubrik Baukunst / Kunst am Bau.

Ein kurzer Vergleich mit einer industriell hergestellten Beton-Kabelfertigstation zeigt, welches Glück die Niederdollendorfer mit ihrem neuen Trafohäuschen gehabt haben: ein Kunstwerk, welches das Ortsbild bereichert und internationales Aufsehen erregt anstelle einer Verschandelung durch einen gesichtslosen garagenähnlichen Betonkasten.
Unseres Wissens gibt es in Mitteleuropa nur noch eine Beton-Trafostation, die ein derartiges Aufsehen in Presse und Fachliteratur erregt hat: Rudolf Steiners anthroposophisches Trafohäuschen von 1921 beim Goetheanum Dornach.

Michael Neumann schreibt in seinem Klassiker "Zwischen Kraftwerk und Steckdose" über das Trafohaus Niederdollendorf:
"Für die empfindlichen, ohnehin schon stark mitgenommenen Orts- und Landschaftsbilder könnten interessante, zumindest aber ansprechende Transformatorenstationen entworfen werden, insofern sie als Bauaufgabe über den nackten Zweck hinaus wieder in die Hände des kreativen Architekten oder Industriedesigners zurückgegeben würden. Daß man für sie eine neue akzeptable Gestalt oder gar eine spielerisch-künstlerische Ausdrucksform finden kann, beweist der (...) Trafo-Zweckbau von Königswinter-Dollendorf, der einen mit Phantasie und Witz erdachten unter Spannung stehenden Erlebnisturm zeigt. Sicher wird dieses Exemplar eine Einzelerscheinung bleiben (...)"
Quelle:
Neumann, Michael: Zwischen Kraftwerk und Steckdose, Zur Architektur der Trafohäuser; Marburg 1987, S. 65-67 (mit Abb.), siehe unsere Literaturliste


Der Westdeutsche Rundfunk widmete dem Niederdollendorfer Trafohaus in seiner Fernsehsendung 'Lokalzeit aus Bonn' am 13. Juni 2013 den Beitrag "Happy End für Trafohäuschen", den wir hier auszugsweise zitieren:
Guckt es grimmig? Lächelt es? Streckt es gar die Zunge heraus? Ein kleines Trafohaus mit Gesicht am Rande einer Wohnsiedlung in Niederdollendorf. Vor fast 30 Jahren hat es ziemlich hohe Wellen geschlagen. Sogar der WDR hat damals über den Protest der Anwohner berichtet. Die alteingesessenen Anwohner, denen das Trafohäuschen vor die Haustüren gebaut wurde, fühlten sich dadurch verhöhnt und provoziert. (...) Architekt Wolfgang Krenz hat das Haus entworfen. Er ahnte erstmal nichts böses: "Das war sehr unerwartet, also auch die Reaktion, dass man mir wirklich gesagt hat, man müsste Sie erschlagen, man müsste Sie totschlagen. Das ist entartete Kunst. Also es war schon ein Sprachgebrauch, wo ich natürlich als Alt-68er gesagt habe: Haust ihm jetzt eins auf die Zwölf oder gehste mal bisschen auf Distanz."
Er hielt sich zurück. Die Zukunft des Häuschens stand erstmal unter keinem guten Stern, es hatte alle gegen sich: die Nachbarn, den Rat der Stadt. Alle forderten auf einmal, dass zumindest Augen, Mund und Nase verschwinden. Günther Hank war damals Bürgermeister: "Es wurde abgestimmt und dann waren die meisten dafür, dass es weg kam. (...) Und meine Frau sagte: Da kannste nichts machen, das ist 'ne wunderbare Sache. Sie hatte ein etwas intensiveres Kunstverständnis als ich. Jetzt hat sie natürlich 'nen Riesenspass, dass es stehen geblieben ist, und ich bin an sich auch froh, dass es stehen geblieben ist."
Erstmal musste sich aber das Häuschen die Haare lang wachsen lassen (Anmerkung der Trafohäuschen-Redaktion: es wurde mit Rankpflanzen begrünt.) und dann kam der Durchbruch. Medien aus aller Welt berichteten über das Trafohaus, selbst das amerikanische 'People' Magazin. (...) Plötzlich liebten es alle und es bekam sogar den Deutschen Betonpreis 1987 verliehen. Krenz: "Ich denke, das wichtigste an der Architektur überhaupt ist, dass das ganze so ein Keep Smiling haben muss. Architektur muss fröhlich machen, sie muss lächeln können, dann begeistert sie auch Menschen." Heute sind sich auch die Nachbarn einig: Das kleine Trafohaus lächelt, und sie sind froh, dass es damals nicht verschwunden ist.
Quelle: WDR-Video Lokalzeit aus Bonn, 13. Juni 2013

Die Umsetzung der gesprochenen Beiträge aus dem WDR-Film in Text erfolgte durch unseren Tontechniker und Redakteur Siegwardt Puerrhus. Den Text unseres Artikels (nicht der WDR-Sendung) verfasste unser Gründungsmitglied und Redakteur Richard Molke.


© Copyright für die Bilder
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Stand: 22. März 2014
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